Wieso die Zeit für Datenbrillen jetzt gekommen ist…

Das richtige Produkt zur falschen Zeit bedeutet den sicheren Tod, das wissen vermutlich nicht nur Marketer. Wenn „Die Zeit noch nicht reif ist“, kann eine Erfindung noch so gut sein, sie wird sich am Markt nicht durchsetzen. Oft kommen dann ähnliche Produkte später auf den Markt und werden zum großen Hit, egal ob sie besser oder sogar schlechter sind, als das Erste.

Ein Fall, der uns allen bekannt sein sollte ist das iPad. Tablet PCs wurden schon deutlich früher von verschiedenen Anbietern vorgestellt, aber Apple hat es zur richtigen Zeit vorgestellt – als wir uns schon alle an die Bedienung des iPhones gewöhnt hatten und nach größeren Displays dürsteten. Der Rest ist Geschichte.

Bei einem typischen Stammtischgespräch (Nerds unter sich…) kam das Gespräch neulich auf Datenbrillen. Grundlegend gibt es zwei Konzepte.

Videobrillen

Photo: Courtesy of Carl Zeiss
Photo: Courtesy of Carl Zeiss
Die erste Variante ist manchen vielleicht als „Cyberbrille“ bekannt. Diese Brillen bestehen normalerweise aus zwei Bildschirmen, die direkt vor den Augen hängen und die Umgebung ausblenden, so dass man sich voll auf den Inhalt, der gezeigt wird, konzentrieren kann. Kopfhörer helfen, vollends in eine andere Realität abzutauchen. Eine schöne Idee, um sich überall einen Film anzusehen, egal ob in der Bahn oder im Flugzeug. Die Bildschirme sind zwar klein, aber durch die Nähe zum Auge kommt eine beachtliche Bildschirmgröße zustande. Vertreter dieser Gattung sind z.B. OculusVR als Gaming Device oder die cinemizer von Zeiss, welche eher für Videos tauglich ist (Meine Meinung). Beide Geräte sind 3D-fähig.

In meinen Augen gibt es bei diesen Brillen entscheidende Nachteile:
1. Der Vorteil wird schnell zum Nachteil: man bekommt seine Umgebung nicht mit. Gerade wenn man selbst am Steuer sitzt rate ich von der Verwendung dieser Brillen ab. Ich stelle es mir auch lustig vor, wie jemand im Zug sitzt mit so einer Brille und ihm ein dreister Dieb die Tasche unter dem Sitz klaut…
2. Videos schauen auf einem großen Bildschirm (in Fall der Zeiss 40″) ist gerade im Vergleich zu einem Tablet wirklich schön, auch wenn einige zuhause größere Bildschirme haben. Das Vergnügen ist allerdings ein einsames. Gemeinsam schauen ist eher schwierig (oder man sitzt zu zweit auf dem Sofa mit zwei Brillen). Videoabende mit mehreren Freunden scheiden meiner Meinung nach aus.
3. Man findet das Popcorn / die Chips / whatever nicht…
4. Schon auf der Startseite der OculusVR Brille sieht man einen Gamer, welcher ein Joypad in der Hand hält. Ich finde es immer etwas befremdlich, mir zum PS3 oder XBOX zocken eine Brille aufzusetzen und dann doch noch den gleichen Controller in der Hand zu halten. Zwar ist es mit der OculusVR möglich, über Sensoren die Kopfbewegungen ins Spiel zu übertragen, aber dies ermöglicht bei vielen Spielen eben nicht die gesamte Steuerung, sondern nur einen Teil (Video zur OculusVR). Wenn schon, dann möchte ich komplett über Bewegungen steuern. Dazu gibt es zwar Ansätze (wie eine Schale, in der man sich bewegen kann, ohne gegen eine Wand zu laufen), aber das ganze wird dann doch sehr kompliziert, oder?

Es ist unterdessen glaube ich 18 Jahre her, dass ich in Canada mal mit einer Datenbrille auf Teller an einer Wand geschossen habe (kein Witz, das war das Spiel, Teller von der Wand schießen…). Man musste sich nicht bewegen und die Steuerung erfolgte über die Bewegung des Gewehrs, welches man in Lebensgröße in der Hand hielt. Das war lustig, aber ein Gag für ein, zwei Runden, nichts langfristig spannendes.

Fazit Datenbrillen

Ich prognostiziere den Datenbrillen ein Nischendasein. Natürlich wird es einige Zocker und Vielreisende geben, die damit genau das finden, was sie wollen, aber meiner Meinung nach sprechen wir hier nicht über Massentauglichkeit.

Augmented Reality Brillen

Der bekannteste Ansatz hier dürfte wohl die Brille von Google sein, die auf den einfachen Namen Glass hört. Hier werden Inhalte über einen kleinen Projektor direkt ins Auge gespielt, welche die Realität quasi „überlagern“ (Link). Dies hat den Vorteil, dass man am realen Leben teilhaben kann und die Brille wie ein HUD (Head up Display) nutzt. Manche kennen das vielleicht schon aus PKWs, bei denen man sich Informationen über Geschwindigkeit und die Navigation direkt in die Scheibe einblenden lassen kann, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. Ich hatte die Glass leider noch nicht in der Hand (oder auf der Nase), so dass ich keine besonders qualifizierten Äußerungen über die Bedienung machen kann, sie wird aber über Sprache gesteuert. Aktiviert wird sie über den Befehl „ok Glass“ kombiniert mit der Anweisung wie z.B. „take picture“ oder „record video“.
Derzeit dürfen nur ausgewählte Entwickler die erste Version testen und mussten dafür ca. 1.500$ hinlegen. Bald werden alle ersetzt durch die zweite Generation. Diese ist nun auch mit einem Kopfhörer ausgestattet. Wie die erste Audio übertragen hat weiß ich nicht, am Stammtisch erzählte mir allerdings jemand etwas von Übertragung via Knochenschall, was ein tolles Konzept ist, jedoch so teuer, dass es wohl in der Glass, die hoffentlich unter 500$ auf den Markt kommt, wenn sie denn mal fertig ist, nicht in Frage kommt… In der zweiten Generation spricht Google jetzt wohl auch von der Möglichkeit, geschliffene Gläser zu verwenden, was in der ersten nicht möglich war. Das freut mich als Brillenträger natürlich besonders. Der Preis ist übrigens eine Schätzung verbunden mit der Hoffnung, dass die Brille erschwinglich ist.

Fazit AR-Brillen

Braucht man zwingend eine Augmented Reality Brille? Sicher nicht, doch waren bisher alle, denen ich die Videos von Glass gezeigt habe sehr begeistert. Fraglich ist die Lösung des Akku-Problems. Es macht sicher keinen Spaß, wenn die Brille mehrmals täglich an den Strom muss. Allgemein bin ich von dem Konzept allerdings restlos überzeugt. Die Realität nur mit den wichtigen Informationen und nur zu der Zeit, zu der ich es will, zu überlagern ist genau das Konzept, welches ich mir von Glass verspreche. Die Größe von Google und die damit verbundene Medienaufmerksamkeit trägt hoffentlich dazu bei, dass sich nun endlich eine Brille im Bereich der Massentauglichkeit bewegt, obwohl es das Konzept schon seit über 20 Jahren gibt. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung, wie schaut es bei euch aus? Ist die Zeit des Durchbruchs für Datenbrillen/AR-Brillen gekommen? Völliger Humbug oder brennt ihr vor Verlangen? Wird Glass das neue iPad? Ich freue mich über eure Meinungen!

Hier mal noch das Demovideo zu Glass, Viel Spaß damit!

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3 Responses

  1. Nachhaltigkeit sicher ist sicher ist sicher... Sag was! Episode 67

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