Mein Tag im Knast

So schnell findet man sich hinter Gittern wieder… Aber ich kann euch gleich beruhigen bzw. muss den ein oder anderen enttäuschen, ich war zwar in der JVA Stadelheim, das aber ganz geplant und nur für eine Veranstaltung und nicht, weil mich jemand wegsperren will. Denen fehlen bisher noch die Argumente.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen, versuche aber, mich kurz zu fassen. Einige wissen vielleicht, dass ich auch als Dozent im Bereich Erwachsenenbildung arbeite und da ich mich da auch mal mit der Fortbildung von Gefangenen befasst habe, bin ich auf die Leonhard gemeinnützige GmbH gestoßen, die sich genau damit beschäftigt. Ausgewählte Insassen von Justizvollzugsanstalten erhalten hier durch LEONHARD die Möglichkeit ihre berufliche Zukunft vorzubereiten. Wir alle wissen, dass es nicht leicht ist, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und das wird noch mehr erschwert, wenn man eine Haftstrafe hinter sich hat. Kein Job und kein Geld verleiten natürlich dazu wieder auf die vermeintlich leichtere Schiene zu wechseln, wo schnell der nächste Knast-Aufenthalt folgen könnte. Um aus diesem Teufelskreis zu entkommen fördert LEONHARD die Gründung kleiner Unternehmen. Im Rahmen des Programms arbeiten die Insassen an ihren Ideen und entwickeln mit Hilfe von Dozenten und Mentoren Business-Pläne. Am 05.06.2014 stellte nun die aktuelle Gruppe ihre Pläne und Ideen vor. Ich war eingeladen, mir das anzusehen und so viel vorweg, ich war positiv überrascht.

Der Weg in die JVA

Natürlich ist es anders als in einem Hotel, wenn man eine Veranstaltung im Gefängnis besucht. Im Eingangsbereich muss eine Schleuse passiert werden, dann geht es an den „Check In“. Der Personalausweis wird abgegeben, man erhält eine Besucherkarte. Alles hat seine Ordnung, dauert allerdings eine Weile. Was mich völlig überrascht hat: Schmuck wie Uhren und Ringe sind kein Problem und dürfen am Körper bleiben, streng verboten sind allerdings Handys und USB Sticks, also jegliche Art von Kommunikations- und Speichermitteln. Der Weg zum Veranstaltungsraum ist auch straff durchorganisiert. Alle bleiben nah beieinander, kein Trödeln, vorne und hinten immer ein Justizvollzugsbeamter. Und das ist dann schon ein komisches Gefühl. Mit dem Personalausweis gibt man auch einen Teil seiner Freiheit am Empfang ab. Einfach mal schnell um die Ecke zum Rauchen – keine Chance. Sogar der Toilettengang ist geregelt und vor der Erleichterung stehen zwei Stockwerke und vier abgeschlossene Türen. Da fangen selbst Männer an, in Gruppen auszutreten 😉

Stellenweise vergisst man die Situation, aber manchmal kommt es einem schon wieder ins Bewusstsein und am Ende war es dann doch ein gutes Gefühl wieder „frei“ zu sein.

Die Businesspläne und Protagonisten

Nun aber zum spannenden Teil. Ich hatte noch nie wirklich Kontakt zu Menschen, die schon mal eine Zeit hinter Gittern verbracht haben oder zumindest weiß ich davon nichts. So war es auch eine grundlegend neue Erfahrung zu Beginn der Veranstaltung von einer Reihe Menschen in Anstaltskleidung begrüßt zu werden, von denen jeder fleißig die Hände aller Besucher schüttelte. Insgesamt hatte diese Runde des Programms zehn Teilnehmer, die man am besten als „bunt gemischter Haufen“ beschreiben kann. Große, Kleine, Ausländer, Deutsche, Dicke, Dünne, Sympathische, weniger Sympathische. Klar, jeder von ihnen hat wohl irgendwas ausgefressen (ich habe nicht nachgefragt was…) aber abgesehen davon waren sie so gemischt, wie jede andere Gruppe, die auch ich bisher im Unterricht hatte. Natürlich will ich an der Stelle nichts herunter reden, worauf ich hinaus will ist, dass ich mich wohl gefühlt habe. In einem Raum im Gefängnis mit Gefangenen und ohne, dass Wärter drum herum standen. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage würde, einige der Persönlichkeiten haben mich ernsthaft fasziniert.

Das Team: Leonhard gemeinnützige GmbH | Unternehmertum für Gefangene
Das Team: Leonhard gemeinnützige GmbH | Unternehmertum für Gefangene

Widmen wir uns den Geschäftsideen, die vorgebracht wurden. Im Rahmen des Programms arbeitet jeder Teilnehmer eine Idee heraus, mit der er sich nach dem Aufenthalt selbstständig machen kann und erstellt dazu einen ausführlichen Business-Plan. Uns wurden gestern die Ideen mit Hilfe eines Posters präsentiert. Damit war ich natürlich in meinem Element, da mir Vermarktung und USP-Beurteilung besser liegen als mit Zahlen jonglieren. Die Präsentation fand nicht der Reihe nach auf der Bühne statt, sondern eher in Form einer Messe. Jeder Teilnehmer hatte an einer Pinnwand seine Idee und alle Besucher konnten sich mit den Projekten beschäftigen, die sie interessierten. Fragen wurden ausführlich beantwortet und das war auch der Punkt, an dem ich Zeit hatte, mich mit den einzelnen Insassen zu unterhalten. Die Ideen waren quer Beet, anders lässt sich das nicht beschreiben. Vom Personal Trainer, einem Gassi- und Erziehungs-Dienst für Hunde über einen Crepes-Laden (ich freue mich schon drauf!) bis hin zum LaTeX-Personal Coaching und einer vielleicht bahnbrechenden Idee zum Thema eBooks. Und das meine ich ernst. Wie gesagt, ich weiß nicht, wieso die Teilnehmer überhaupt zu Teilnehmern wurden, aber da war stellenweise schon eine gewaltige Kompetenz vorhanden und die Ideen waren gut, so gut, dass ich mir gut vorstellen könnte, bei dem ein oder anderen zu den ersten Kunden zu gehören.

Und hier kommt wohl die Stärke von LEONHARD zum Tragen. Selbstständig sein ist nicht einfach. Viel Freiheit ist auch mit vielen Verpflichtungen und noch mehr Risiko verbunden. Das ist nichts für jedermann und schon manche gute Idee ist später an bürokratischen Hürden gescheitert. Die Mentoren und Coaches im Programm bereiten die Insassen genau darauf vor und so kann ich nur festhalten:

– Liebe Teilnehmer, danke dass ihr mir die Augen geöffnet habt und gezeigt habt, was für interessante Persönlichkeiten es bei euch gibt
– Danke an das Vater-Tochter Gespann Maren und Dr. Bernward Jopen für die Gründung der Initiative, vor allem, da beide auch die Möglichkeit hätten ihre Zeit anders zu investieren
– Ich wünsche den Teilnehmern und hoffentlich baldigen Jungunternehmern viel Erfolg und nur das Beste bei ihren Projekten
– Ich will ein Crepes!

Fragen zum Leonhard Programm bekommt ihr auf www.leonhard.eu beantwortet, Fragen zu meinem Bericht und meiner Erfahrung einfach in den Kommentaren stellen.

Liebe Grüße
Peppi

Bilder: © Leonhard | Unternehmertum für Gefangene

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3 Responses

  1. Steffi Wahrum
    Steffi Wahrum at |

    Wow, das ist Beitrag, der mich fast zu einer Bewerbung als Teilnehmer verleitet.
    Was muss ich tun? 😉

    Da ich ein Mensch bin, der Stolz auf die erhaltene Naivität ist, und immer wieder an das Gute in den (meisten) Menschen glaubt. Triffst Du hier genau meinen Nerv. Menschen machen Fehler. Aber dieser Fehler allein macht einen Menschen nicht aus. Insofern ist Deine Bemerkung über soviel Kreativität und Eigenmotivation Balsam auf meine Seele.
    Wie Du gesagt hast, ist die Ausgangsbasis für ein eigenes Business noch schwerer als für „normale“. Gibt es in dem Projekt auch eine Betreuung über die Gitter hinaus? — also außer dem „legendären“ Bewährungshelfer. Und gibt es schon Berichte über das selbständige Leben danach?
    Und weil ich ein Meister der Fragen bin: wie hast Du es einen Tag ohne Dein Handy ausgehalten? Oder kommt der Blogbeitrag noch 😀

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